Wissenschaftliches über Hochsensibilität


Stellungnahme vom Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. (IFHS) für ausübende des Heilberufes (link öffnet ein PDF).


Die amerikanische Psychologin Dr. Elaine N. Aron hat viele Studien über die „Hochsensibilität“ durchgeführt, oder durchführen lassen. Sie veröffentlichte 1997 Ihre Erkenntnisse und hat somit den Grundstein der „Hochsensibilität“ gelegt.

Sie führte mit 39 Studenten und Studentinnen einige Interviews durch und entwickelte mit Ihnen einen Fragenkatalog.

Mit diesem verfeinerten Fragenkatalog wurden rund 1.300 Personen, über die „Hochsensibilität“ befragt. Auf Grund dieser Daten konnte die Andersartigkeit der Hochsensibilität gemessen werden. In allen Gruppen gab es Probanden, die unterschiedlich auf diverse Reize reagierten.

Zu diesen Reizen gehören die visuellen und akustischen Stimulationen. Der Konsum und das Wirken auf Substanzen, z.B. Medikamente, Koffein, Nahrungsmittel und deren Gerüche und Geschmäcker. Verhalten bei Hunger. Einwirkung von künstlerischen Darstellungen und die Wirkung von Musik. Und natürlich das Wahrnehmen verschiedener Stimmungen anderer Mitmenschen.

Diese Versuchspersonen berichteten über starkes Unwohlsein, bei Reizüberflutung in Form von z.B. Krach, Lärm, Geruch, Temperatur, grelles Licht etc.. Sie waren relativ häufig gereizt und hatten das Bedürfnis nach Ruhe.

Die von Aron entwickelte HSP-Skala (HSP steht für „Highly Sensitive Person") misst drei „Sensibilitätsarten":

- eine ästhetische Sensitivität für Feinheiten in Musik oder Kunst

- eine niedrige Reizschwelle

- eine leicht auslösbare Erregung

Die gemessenen Daten korrelierten stark miteinander, weshalb die Forscherin auf ein einheitliches Merkmal der „Hochsensibilität“ schließt.

Dr. Elaine Aron testete die Versuchspersonen auch auf Persönlichkeitsmerkmale der Introvertiertheit und des Neurotizismus.

Für das neurotische Verhalten einiger hochsensibler Menschen fand Aron ebenfalls eine Erklärung. Sie machte unter den Betroffenen solche mit guten und solche mit schlechten Kindheitserfahrungen aus. Ihre Annahme war: Wer unter schwierigen Bedingungen aufwächst und das intensiv erlebt, ist als Erwachsener anfälliger für Angst oder Depressionen – und somit neurotischer.

Eine Untersuchung mit 309 Teilnehmern bestätigte: Menschen, die einen hohen Wert auf der HSP-Skala erreichen und eine problematische Kindheit hatten, sind als Erwachsene eher neurotisch.

Evolutionsbiologisch könnte das unterschiedliche Verhalten Sinn machen. Manche Menschen neigen dazu, Reize tiefer zu verarbeiten. Sie lassen sich bei der Bewertung einer Situation viel mehr Zeit. Sie beobachten bevor sie handeln. Andere reagieren hingegen sofort. Am günstigsten für das Überleben einer Population ist offenbar eine Mischung aus beiden Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe.

Weitere bestätigende Studien, Erkenntnisse:


Untersuchungen von Iwan Pawlow (1849-1936) ergaben, dass Probanden, welche anlässlich von Belastbarkeitstests, bei 15 bis 20 Prozent auffällig wurden. Hier wurde eine sogenannte "transmarginale Hemmung" festgestellt (eine Art "dicht machen"). Die sensibleren Probanden reagierten viel früher auf Belastung


die Studie in der Kindler-Reihe "Geist und Psyche" von Eduard Schweingruber, Theologe und Psychiater, mit dem Titel "Der sensible Mensch" (1945). Eine Zusammenfassung des Buches findet sich bei emj57.wordpress.com


der HS-Pionier im deutschsprachigen Raum, Georg Parlow (Buch "Zart besaitet", Festland Verlag, 2003), hat sich intensiv mit dem Thema der „Hochsensibilität“ beschäftigt und bestätigt, (auch wie Aron) den Anteil der Bevölkerung auf ca. 15-20%


Samuel Pfeifer führt in seinem Buch "Der sensible Mensch" (Brockhaus Verlag, 5. Auflage 2006) auf S.25 die Babyforschung an: offenbar reagieren etwa 15 bis 20 Prozent der Säuglinge auf diverse Reizquellen (z.B. überraschende Geräusche) mit signifikant mehr Anzeichen von ausgeprägtem Unbehagen als die Mehrheit der Kinder



wer eine ausführlichere Informationen zum Ursprung der „Hochsensibilität“ und verwandte Forschungen sucht, findet bei Jerome Kagan, Alice Miller, C.G. Jung weitere unterstützende Hinweise


2011 lieferten chinesische Forscher erste Erkenntnisse zur genetischen Ursache der Hochsensibilität. Sie analysierten das Erbgut von 480 Studenten und wiesen zehn Gen-Orte auf sieben Genen des Dopamin-Systems nach, die mit Hochsensibilität in Verbindung stehen


im selben Jahr fanden dänische Wissenschaftler heraus, dass ein höheres Sensibilitätslevel zumindest zum Teil auf das Serotonin-Transporter-Gen 5-HTTLPR zurückzuführen ist das Gehirn von hochsensiblen Menschen funktioniert etwas anders.


Dr. Elaine Aron hat mit ihrem Ehemann Dr. Arthur Aron und Forschern der Universität Peking erstmals neurologische Besonderheiten bei Hochsensiblen nachgewiesen: Die Wissenschaftler zeigten 16 chinesischen Studenten eine Serie von Landschaftsbildern in leicht bis deutlich abgeänderten Versionen. Die Probanden sollten die Veränderungen finden und benennen. Dabei zeichneten die Forscher die Hirnaktivität mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie auf. Bei den Hochsensiblen waren im Vergleich zu anderen Probanden Netzwerke aktiv, die mit visueller Aufmerksamkeit und Augenbewegungen in Verbindung stehen. Zudem waren sie beim Finden der Veränderungen langsamer, aber nicht weniger treffsicher. Die Deutung der Forscher lautete: Die Hochsensiblen achten stärker auf Details und brauchen bei der Reizverarbeitung mehr Zeit


2012 hat Franziska Borries Ihre Doktorarbeit an der Universität Bielefeld über die Verteilung der hochsensiblen Menschen in Deutschland durchgeführt. Sie hat Frauen und Männer gleichermaßen ermittelt und kam zu dem Ergebnis, dass 17,5% der Menschen hochsensibel sind und 82,5% nicht HSP sind. Das deckt sich mit den Ergebnissen von Dr. Elaine N. Aron


eine weitere Studie der Arons stützt die Annahme, dass Hochsensibilität ein grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal ist. Die Ergebnisse müssten angesichts der kleinen Teilnehmerzahl allerdings in weiteren Studien überprüft werden sehr empfindsame Menschen reagieren aber auch stärker auf positive Reize und können dadurch mehr von guten Bedingungen profitieren. Zu diesem Ergebnis kamen die niederländischen Entwicklungspsychologinnen Renske Gilissen und Marian Bakermans-Kranenburg von der Universität Leiden 2008. Sie prüften, wie viel Stress ängstliche Kinder im Gegensatz zu robusteren empfanden, wenn sie einen furchterregenden Film sahen


Biologen haben dieselben Muster bei mehr als 100 Tierarten entdeckt, unter anderem bei Fischen, Fruchtfliegen und Rhesusaffen


Hinweise darauf, dass sich auch der Mensch in diese beiden Typen unterteilen lässt, fand der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan von der Harvard University. Er stellte fest, dass es in Gruppen von Kindern stets einen recht stabilen Anteil von 15 bis 20 Prozent gibt, die gehemmt sind, ein neues Spielzeug auszuprobieren oder mit fremden Kindern zu sprechen. Hochsensible Säuglinge haben deutlich höhere Herzfrequenzen zeigten, dass sich ihre Pupillen unter Stress früher weiteten und ihre Stimmbänder sich eher spannten.


2014 bis heute läuft die größte wissenschaftliche Studie in Deutschland mit dem Thema: „Annäherungsverhalten und Vermeidungsverhalten“.

Hier können hochsensible Menschen noch mitmachen. An der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg erforscht Dipl. Psych. Sandra Konrad die Unterschiede der hochsensiblen Menschen. Wer noch an der Studie teilnehmen möchte, bitte auf den folgenden Link klicken.

Zwischenstand:

Aufbau eines wissenschaftlich anerkannten Modells (Fragebogen zur Hochsensibilität) um den hochsensiblen Menschen besser erkennen zu können.


  • Dipl. Psych. Sandra Konrad die Unterschiede der hochsensiblen Menschen. Wer noch an der Studie teilnehmen möchte, bitte auf den folgenden link klicken.

    Studie HSP/Persönlichkeit



Neurotizismus: ist ein Persönlichkeitsmerkmal und gehört zu den BIG5 (Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit). Neurotizismus bedeutet: unterschiedliches Erleben mit schlechten Erfahrungen (z.B. Angst, Sorgen, Unsicherheit, oder sicher, zufrieden, entspannt). So sind neurotische Menschen eher hilflos, ängstlich, verletzlich und überempfindlich.



Gibt es überhaupt Hochsensibilität?


Neue Gebiete in wissenschaftlichen Bereichen haben es zu Beginn nicht einfach, anerkannt zu werden, da Wissenschaftlichkeit natürlich hohe Anforderungen an die Erforschung des entsprechenden Themas stellen muss.

(Siehe dazu eine Kurzerklärung auf hochsensibel.org, unter regelmäßig gestellte Fragen 5. "Ist das Ganze wissenschaftlich anerkannt?")

So wird das Thema teilweise kontrovers diskutiert.

Es gibt Autoren, die Aron vorwerfen, dass sie die Ergebnisse der Traumaforschung zu wenig berücksichtige: diese belegt, dass Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung sämtliche Anzeichen einer HS aufweisen können. Auf dieser Website findet sich zu diesem Thema ein wissenschaftlicher Beitrag von Dr. Barbara Schmugge : Traumafolgestörung und Hochsensibilität".

Generell wird jedoch in den meisten Werken der HS-Pioniere (auch bei Aron) nicht ausgeschlossen, dass Hochsensibilität bei einem kleinen Prozentsatz der Betroffenen auch erworben sein kann, z.B. auf Grund von Traumata, belastenden Erlebnissen oder Dauerstress.

Das Hauptgewicht liegt bis jetzt jedoch auf der Theorie der angeborenen, ererbten, also genetisch bedingten Hochsensibilität.
Aron führt u.a. die Zwillingsforschung an, um zu belegen, dass HS hauptsächlich genetisch bedingt sei (siehe "Sind sie hochsensibel?", mvg Verlag, 2005, S.39 und S.53) und macht auch darauf aufmerksam, dass man häufig eine familiäre Linie nachweisen kann von Vor- und Nachfahren, die hochsensibel sind - im Gegensatz zur Linie der normalsensiblen Familienmitglieder.

Man könnte auch schlussfolgern, dass wohl kaum ein immer etwa gleich bleibender Bevölkerungsanteil (15-20 Prozent HS-Betroffene) traumatisiert worden - und daher hochsensibel geworden ist.

Die Angstforschung (z.B. J. Kagan) greift das Thema indirekt auf, indem sie von der "hochreaktiven Persönlichkeit" spricht (angeborene Ängstlichkeit): die Ähnlichkeit der Beschreibungen mit denen der hochsensiblen Persönlichkeit ist nicht zu übersehen. Siehe dazu einen Artikel im "Spiegel" 41, 2010: " Lob der Angst".

Gemäß aktuellem Forschungsstand überwiegt klar die Auffassung, dass Hochsensibilität genetisch bedingt - und daher KEINE KRANKHEIT oder Störung, Syndrom etc. ist.



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